Rezensionen
Bücher in meiner Hand




Wiener Schmäh ja, aber viel zu ausführlich
Ich mag es sehr, wenn ich Vea Kaiser an einer Lesung zuhören kann. Sie spricht so lebendig von ihren Figuren und liest grandios, dass man einfach Lust bekommt, ihre Bücher zu lesen. Endlich hab ich dies auch geschafft, aber ich glaube, meine Buchauswahl hab ich nicht so gut getroffen. Vielleicht hätte ich es eher mit dem "Rückwärtswalzer" oder "Makarionissi" probieren sollen, denn diese beiden Romane sind kürzer als "Fabula rasa", das mit 576 Seiten aufwartet.
Alles hörte sich gut an und fühlte sich beim Lesen am Anfang auch so an. Doch dann merkt man, dass tatsächlich Jahrzehnte vergehen und von den Jahren dazwischen fast ausnahmslos alle erzählt werden.
Der Roman beginnt in den 80er Jahren mit einer jungen Angelika Moser, die das Wochenende in Wiens Kneipen und Clubs krachen lässt und Montags verschlafen in ihrem Büro im Grand Hotel Frohner zur Arbeit antritt.
Die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter, ihre besten Freundin Ingi und die zu, im Laufe der Jahre, mehreren männlichen Lebensabschnittsgefährten werden ausführlich abgehandelt. Ebenso wie die Arbeitsbeziehung zu ihrem Chef, dem Hoteldirektor und auch die zum Junior. Und ganz vieles anderes, oft Nebensächliches, wird lang und breit erzählt.
Alles war so detailhaft und zu ausführlich erzählt, dass die Geschichte deswegen bald langweilig wirkte und mich nicht zu fesseln vermochte. Angelika und andere Charaktere fand ich anfangs noch spannend, aber mit der Zeit ging sie mir auf den Geist und ich konnte oder wollte sie auch nicht mehr richtig fassen.
Angelika beginnt relativ früh dem Direktor zu helfen und eigene Rechnungen zu manipulieren, aber Jahrzehnte vergehen, bis ihr Vergehen auskommt. Im Buch liegen dazwischen gefühlte 500 Seiten, aber das Ende wird im Vergleich zu allem anderen nur äusserst kurz und auf sehr wenigen Seiten abgearbeitet. Der Clou hier liegt wohl an der Geschichte, an Angelikas Leben, selbst und nicht, dass ihr Betrug auffliegt. Das hab ich laut dem Klappentext anders verstanden.
Fazit: Der Wiener Schmäh kommt rüber, keine Frage, doch eine kürzere Zeitspanne wäre hier, für meinen Geschmack, von Vorteil gewesen. Ich werde irgendwann zu einem der oben genannten Bücher greifen und hoffen, dass sie mich mehr überzeugen und unterhalten als "Fabula rasa".
3 Sterne.
Ulla




Mutterliebe
Die Autorin Vea Kaiser schildert ihre Gespräche im Gefängnis mit der wegen Veruntreuung verurteilten Angelika Moser. Über drei Millionen hat sie innerhalb von 30 Jahren mit einer kreativen Buchführung und gefälschter Rechnungen aus dem Grand Hotel Frohner heraus auf ihr eigenes Konto geleitet. Angelika wuchs in ärmlichen Verhältnissen mit einer alleinerziehenden Mutter auf und träumte immer von einem besseren Leben. Als Buchhalterin im Hotel bat sie der Chef um eine Manipulation der Bilanz um jüdische Forderungen abzuwenden. Sie ließ sich darauf ein, denn inzwischen ist sie selbst Alleinerziehend und das Geld knapp. Um ihren Sohn Sebastian ein besseres Leben als ihr eigenes zu ermöglichen hat sie immer wieder Geld aus dem Hotel veruntreut, das ihre gefälschten Rechnungen ohne Kontrolle akzeptiert wurden. Immer wieder traten Probleme auf, teilweise auch durch Angelikas Naivität. Wir erleben eine junge Frau, die sich zwischen drei Männer entscheiden musste, eine junge Mutter, die sich um ihr Kund sorgte, eine Buchhalterin in leitender Funktion, die zur Stütze des Hotels wurde und die meinte, zum Wohle ihres Sohnes kriminell werden zu müssen.
Trotz der Länge ist der Roman kurzweilig erzählt, der reale Hintergrund macht ihn glaubwürdig. Einen großen Raum nimmt die Problematik alleinerziehender Mütter ein, denen es immer an Zeit und Geld fehlt und die alles für ihr Kind tun würden. Sehr gut geschrieben.
Havers




Vea Kaiser in Höchstform
In ihrem neuen Roman „Fabula Rasa“ hat sich Vea Kaiser, die wir aus ihrem mit Augenzwinkern erzählten Romanen Blasmusikpop, Rückwärtswalzer etc. kennen, von einem realen Kriminalfall inspirieren lassen. Und auch hier bietet sie wieder sämtliche Klischees auf, die einem in den Sinn kommen, wenn man sich das Wien der Haute Volée vorstellt, wobei aber auch die Beschreibungen der „normalen“ Gegenden in ihrer Direktheit Kennern der österreichischen Hauptstadt das eine oder andere Schmunzeln entlocken.
Angelika, die alleinerziehende, in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Protagonistin, ist Buchhalterin in einem der ersten Hotels am Platz (es ist zu vermuten, dass es sich um jenes Haus handelt, das durch seine besondere Torte jedem bekannt ist) und kann dreißig Jahre relativ unbehelligt ihr System etablieren, mit dessen Hilfe es ihr gelingt, ihren Arbeitgeber um eine siebenstellige Summe zu erleichtern. Chapeau!
Aber Vea Kaiser belässt es nicht bei der Beschreibung von Angelikas Schummeleien, die eigentlich nur den Rahmen für eine große Erzählung bilden, die neben den Alltagsprobleme ihrer Protagonistin auch gesellschaftlich brisante Themen aufgreift und ausleuchtet. Das alles macht sie so, wie wir aus ihren Vorgängern kennen. Emotional, äußerst sympathisch, gepaart mit dem Wiener Schmäh, der nie besser als hier gepasst hat. Und ja, eigentlich wünscht man Angelika, dass sie davonkommt. Hat wohl aber nicht sein sollen.
stina23




Das goldene Wienerherz schlägt (zu)
Dieser Roman dreht sich um eine Frau, Angelika Moser, die Beträge in Millionenhöhe von ihrem Arbeitgeber, einem renommierten Wiener Hotel, veruntreut und dafür zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird.
In Anlehnung an einen realen Kriminalfall, der vor einigen Jahren in Wien stattgefunden hat, schreibt Vea Kaiser über das Leben und das Motiv der Frau. Geschickt bindet sie Besuche bei der Inhaftierten im Gefängnis ein, verweist auf ihre eigene Mutterschaft, erwähnt die Corona-Pandemie, usw., sodass die erfundene Geschichte doch auch sehr mit der Realität kokettiert. Dieser Erzählweg hat mich angesprochen und mich gut unterhalten.
Auch schafft es die Autorin ein Wien zu zeigen, dass sehr nahe am Original ist, und das über Jahrzehnte hinweg. So werden einige kultige Schauplätze, wie zum Beispiel die Diskothek U4, oder das Aufwachsen im Gemeindebau mit einer manchmal brutalen Ehrlichkeit und Genauigkeit und doch auch immer mit einem Augenzwinkern beschrieben. Noch mehr als die Schauplätze haben es mir die großen und kleinen (Rand-)Figuren angetan. Mit großer Beobachtungsgabe und dem Blick für das Essentielle zeichnet die Autorin Menschen, wie es sie wirklich gab und gibt, besonders, aber nicht nur, in Wien. Charaktere aus vielen Gesellschaftsschichten werden abgebildet und dabei werden die Unterschiede herausgehoben und kritisch beleuchtet. Bei all dem wird man sehr gut unterhalten, denn mit vielschichtigem Humor wird man durch die Geschichte und den Werdegang von Angelika Moser getragen. Obwohl diese eigentlich nicht zum Lachen sind und die Frau eine bemitleidenswerte Historie hat, wird mit Humor dazu beigetragen, dass genau das nicht passiert, nämlich Angelika als Opfer zu sehen. Das entspricht dem, was im Sinne der zu Gefängnis verurteilten Frau ist. Sie ist kein Opfer, hat ihr Leben und Schicksal selbst in die Hand genommen und lebt mit den Konsequenzen.
Vea Kaiser versteht es klug, interessant und mit Humor zu schreiben und Geschichten zu konstruieren, die gleichzeitig fesselnd sind, nachdenklich machen und unterhalten.
Micki




Humor, Tiefgang und Wiener Charme in Vea Kaisers neuem Meisterwerk
Vea Kaiser hat mit ihrem neuesten Werk "Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels" wieder einmal eine Meisterleistung abgeliefert, die mich von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann gezogen hat. Auch ihre bisherigen Bücher fand ich toll – und auch dieses ist keine Ausnahme. Im Gegenteil, es ist wohl eines der unterhaltsamsten, schlagfertigsten und tiefgründigsten Werke, die ich in letzter Zeit gelesen habe.
Kaiser versteht es meisterhaft, eine Geschichte zu erzählen, die sowohl humorvoll als auch schonungslos realistisch ist. Die Protagonistin Angelika ist eine unglaublich vielschichtige Figur. Sie ist nicht nur die „Königin des Grand Hotels“, sondern auch eine Frau, die an den Herausforderungen des Lebens zerbricht. Ihre Überforderung – sowohl im Beruf als auch im Privatleben – wird so überzeugend und feinfühlig beschrieben, dass man als Leser*in mit ihr mitfühlt. Dass sie nach dem Gesetz eine Verbrecherin ist, macht die Sache nicht weniger komplex, aber was Kaiser hier auf brillante Weise schafft: Man kann ihr die Tat kein bisschen übelnehmen. Ganz im Gegenteil: Man fühlt sich eher mit ihr verbunden, weil ihre Handlung – auch wenn sie ein Verbrechen darstellt – eine gewisse Menschlichkeit, ja Fast-Verzweiflung in sich trägt.
Der Wiener Dialekt, in dem viele Teile der Geschichte erzählt werden, ist ein weiteres Highlight. Es gibt dem Buch eine Authentizität, die es besonders macht. Der Humor, der aus diesen Dialogen spricht, ist ebenso scharfsinnig wie liebevoll. Manchmal fühlt es sich an, als ob man in einem Café in Wien sitzen würde, um mit den Figuren ein Glas Wein zu trinken und über das Leben zu plaudern – voller Ironie, Lebensweisheit und einem Schuss Wahnsinn.
Was "Fabula Rasa" so besonders macht, ist auch die Balance zwischen Unterhaltung und sozialer Kommentierung. Die Autorin schafft es, eine spannende, fast schon süchtig machende Geschichte zu erzählen, die einen ganz nebenbei zum Nachdenken anregt. Es ist ein Pageturner, der sich leicht liest und dennoch tiefgründige Themen anspricht. Und genau das ist es, was ich an Vea Kaisers Schreibstil so schätze: Sie kann einen nicht nur unterhalten, sondern auch zum Reflektieren anregen, ohne dabei den Humor und die Leichtigkeit aus den Augen zu verlieren.
Zusammengefasst: "Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels" ist eine brillante Mischung aus Humor, scharfsinniger Beobachtung und einer tiefen Auseinandersetzung mit menschlicher Überforderung und Verzweiflung. Ein absolutes Lesevergnügen, das zeigt, warum Vea Kaiser zu den besten Autorinnen der Gegenwart zählt. Wer auf der Suche nach einem Pageturner ist, der einen gleichzeitig zum Schmunzeln und Nachdenken bringt, sollte dieses Buch unbedingt in die Hand nehmen.
Ich freue mich schon auf das nächste Buch von ihr – ihre Geschichten sind einfach immer wieder ein Highlight!
Lucia Kirchner-Krämer 




Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
Eine junge Frau aus schwierigen Verhältnissen (Mutter ist Hausbesorgerin, Vater unbekannt) hat eine Begabung für Zahlen. Und sie ist ambitioniert und sehr sorgfältig. Ihre erste Anstellung erhält sie im Grand Hotel Frohner in der Verwaltung und sie ist wild entschlossen, dort Karriere zu machen. Als sie ein Kind bekommt und die Dinge schwierig werden, nutzt sie ihre Stellung dort, um Geld für sich abzuzweigen - lange Zeit sehr erfolgreich. Vea Kaiser konstruiert als Ich-Erzählerin einen Fall, der die Republik erschüttert, eine großangelegter Betrug über viele Jahre, der am Ende durch die Medien bekannt wird. Und sie besucht Angelika Moser im Gefängnis.
Es ist ein Entwicklungs- und Schelmenroman im besten Sinn. Nicht nur Kindern der 80er kommt vieles in Kaisers fiktivem Wien (das Hotel liegt am Strauß-Ring) sicher bekannt vor. Die Geschichte der Angelika Moser ist so lebendig und plastisch erzählt, dass man von Seite zu Seite fliegt, um zu erfahren, wie es ihr weiter ergeht.
Elisabeth Wallinger 




Wie gut kann diese Frau schreiben?!?
Was für ein wunderbares Buch!
Voll Empathie erzählt die von uns hochverehrte Vea Kaiser eine Geschichte von ganz normalen Menschen. Menschen, die auf Abwege geraten, viel Mist bauen aber so liebenswert sind, dass man sie unweigerlich fast alle ins Herz schließt.
Ein Buch zum Wohlfühlen, Genießen, manchmal Ärgern, ob dem ganzen Blödsinn den die Protagonisten so machen, voll Witz und Schmäh und einfach eine RIESENLESEEMPFEHLUNG!
liesmal




Die letzte Versuchung
Die Geschichte wird rückblickend erzählt. Sie beginnt im Gefängnis, wo die Hauptprotagonistin Angelika von einer Autorin besucht wird, die Angelikas Geschichte in ein Buch bringen will. Ob die Autorin Vea Kaiser ist oder nur ausgedacht, erkenne ich ebenso wenig, wie ich eine Antwort darauf bekomme, ob es die Geschichte wirklich gegeben hat. Zumindest fühlt es sich für mich so an, was ich der Kunst der Autorin zuschreibe.
Mehrmals wird Angelika von der Autorin besucht. Diese Kapitel sind in Kursivschrift geschrieben und tragen die Überschrift „Unterhaltungen in der Josefstadt“. Bei den Besuchen erzählt Angelika – oft nur bruchstückhaft – aus ihrem Leben: wie sie vaterlos aufgewachsen ist bei ihrer Mutter, einer Hausbesorgerin im Gemeindebau, wie und mit wem sie ihre Freizeit verbracht hat, wie ihr Leben als Buchhalterin in dem Nobelhotel Frohner sich gestaltete, wie plötzlich die Versuchung da war.
Es ist ein unaufgeregtes Erzählen, doch für mich ein merkwürdiges Lesegefühl. Ich begleite Angelika mit gemischten Gefühlen, wobei meine Sympathie für sie nicht immer die Oberhand behält. Und obwohl ich weiß, wo es für Angelika endet, muss ich mitansehen, wie sie langsam, aus unterschiedlichen Gründen, getrieben wird und abgleitet. Trotzdem hoffe ich immer wieder, dass sie den Absprung noch rechtzeitig schafft…
Das Ende ist so besonders wie die rückblickende Erzählung, und es gefällt mir gut. Die Erlebnisse aus Angelikas Berufsleben und auch die Blicke in das Leben und Treiben in einem Nobelhotel habe ich interessiert gelesen, und auch in ihrem Privatleben wurde es nie langweilig. An einigen Stellen hätte ich mir gewünscht, dass es nicht ganz so langsam vorangeht, aber insgesamt hat mich das Buch gut unterhalten, so dass ich es gern weiterempfehle.
Ruth




Fabelhafter Schmäh
Die österreichische Autorin Vea Kaiser schaffte 2012 mit ihrem Debut den Durchbruch. Der Roman „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ war nicht nur ein Bestseller, sondern erreichte auch Platz 1 der ORF-Bestenliste. Zwei ebenfalls erfolgreiche und mit Preisen ausgezeichnete Bücher folgten und nun liegt, nach sechs Jahren, ihr neuester Roman vor.
Der Titel „ Fabula Rasa“ - dieses Wortspiel, das einen radikalen Neuanfang mit dem Fabulieren, dem Geschichten erzählen, in Verbindung bringt - ist gut gewählt.
Inspiriert wurde die Autorin von dem realen Fall einer Buchhalterin im Hotel Sacher, die über einen längeren Zeitraum hinweg 4 Mio. Euro veruntreut hatte, aus Mutterliebe, wie sie gestand. Für Vea Kaiser, selbst frisch Mutter geworden, war diese Begründung nachvollziehbar und damit hatte sie einen neuen Romanstoff gefunden.
Wir sind im Wien der ausgehenden 1980er Jahre. Angelika Moser, so heißt ihre Protagonistin, hat keinen leichten Start ins Leben. Aufgewachsen ist sie in einem Gemeindebau, als Tochter der Hausbesorgerin, der Vater ist unbekannt. Doch Angie lässt sich nicht unterkriegen. Obwohl sie gerne mit ihrer besten Freundin das wilde Nachtleben Wiens genießt, so erledigt sie doch tagsüber ihre Arbeit als Buchhalterin im legendären Grand- Hotel Frohner zur vollsten Zufriedenheit ihres Chefs. Dieser hat so viel Vertrauen in sie und ihre buchhalterischen Fähigkeiten, dass er sie bittet, ein bisschen mit den Zahlen zu tricksen. Angelika merkt schnell, wie einfach das ist, denn die falschen Abrechnungen werden unkontrolliert durchgewunken.
Und als sie dann selbst in finanziellen Schwierigkeiten steckt, beginnt sie Gelder auf ihr Privatkonto zu überweisen. Immer in der Hoffnung, das „geborgte“ Geld zurückzugeben, sobald sie dazu in der Lage ist. Allerdings wird ihre finanzielle Situation über Jahre hinweg nicht besser.
Zunächst wird Angelika ungewollt schwanger. Mit Freddy, einem abgerockten Sänger, kann man zwar gut nächtelang um die Häuser ziehen, und der Sex mit ihm ist auch mehr als befriedigend, doch für die Rolle als verantwortungsvoller Vater ist er eher weniger geeignet. Angelika ist deshalb auf sich allein gestellt mit der Erziehung ihres Sohnes.
Und auch ihre zusehends dement werdende Mutter kostet nicht nur Nerven, sondern ihre Unterbringung in einem guten Pflegeheim auch sehr viel Geld.
Die Jahre vergehen, die Summen, die Angelika unterschlägt, werden immer größer. Der Sohn macht Dummheiten, die beglichen werden müssen und Angelika selbst hat Gefallen gefunden an dem schönen Leben. Doch im Hintergrund lauert immer die Angst, irgendwann aufzufliegen.
Vea Kaiser erzählt von einer sympathischen Betrügerin, für die der Lesende Verständnis entwickelt. Denn eigentlich ist die Protagonistin ein anständiger Mensch. Doch Wohlstand und Privilegien sind nicht gerecht verteilt auf der Welt. Während Angelika als alleinstehende Mutter selbst schauen muss, wo sie bleibt, gibt es andere, die mit dem silbernen Löffel im Mund geboren werden. Da darf ein Wochenende schon mal so viel kosten, wie ein Zimmermädchen im Jahr verdient, die Summe lässt sich ja als Spesen von der Steuer absetzen.
Vea Kaiser hält der sog. „besseren Gesellschaft“, die im Frohner absteigt oder sich beim Wiener Opernball feiern lässt, den Spiegel vor.
Und auch die Männer kommen bei ihr nicht gut weg. Angelika hat kein Glück mit ihnen. Sie sind entweder langweilig oder Hallodris. Sogar ihr Sohn, für den sie alles tut ( vielleicht zu viel des Guten), ist eine Enttäuschung.
Das alles wird flott erzählt, mit sehr viel Humor und Wiener Schmäh. Für alle Piefkes gibt es im Anhang dazu ein „sehr kleines Wienerisch-Wörterbuch“.
Vea Kaiser gelingen lebendige Milieuschilderungen, sei es im noblen Grand-Hotel, in den diversen Bars und Nachtklubs oder im Gemeindebau mit seinen skurrilen Bewohnern. Sehr gut fängt sie auch die Situation von alleinerziehenden Müttern ein, mit ihrer ständigen Überlastung, dem permanenten schlechten Gewissen und der Liebe zum Kind.
Authenzität verleiht die Rahmenhandlung dem Roman. Hier besucht insgesamt elfmal eine Schriftstellerin namens Vea Kaiser die Betrügerin Angelika Moser im Gefängnis und lässt sich deren Geschichte erzählen.
Ein paar Längen muss ich zwar dem umfangreichen Roman attestieren, trotzdem habe ich mich bei der Lektüre gut unterhalten gefühlt. Gerade der bitterböse Blick auf die Wiener Klassengesellschaft hat mir gut gefallen.
„ Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ ist ein amüsanter Roman über eine Frau, die mit unkonventionellen Mitteln ihr Leben in die Hand nimmt und sich nicht zum Opfer machen lässt.
