Rezensionen
Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck




James
„James“ lautet der Titel des wirklich empfehlenswerten neuen Buches von Percival Everett; ihm ist das Meisterwerk gelungen, den Klassiker der amerikanischen Literatur schlechthin, nämlich „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ von Mark Twain, neu zu schreiben. Dabei handelt es sich aber keineswegs um eine einfache Nacherzählung, sondern um einen gelungenen Perspektivenwechsel: Die Geschichte wird aus dem Blickwinkel des schwarzen Sklaven Jim, der sich fortan „James“ nennt und Huck auf seiner Abenteuerreise begleitet, berichtet.
Es ist ein Buch, das mich sehr begeistert und gleichzeitig tief berührt hat: Jim/James kann nun lesen und schreiben, ist gebildet, nützt aber diese Intelligenz geschickt aus, um der Erwartungshaltung der weißen Bevölkerungsgruppe zu entsprechen – gibt sich also als dumm, um ihnen stets das Gefühl der Überlegenheit zu lassen. Aus der hochgebildeten Sprache von James wird dann ein südländischer Dialekt, eine kindliche Sprechweise, die lediglich als Tarnung benützt wird, eben weil die „Weißen“ es so erwarten. Dadurch deckt der Autor mit feiner Ironie die eigentliche Problematik der gesellschaftlichen Rassentrennung erkennbar auf; gleichzeitig wird die harte und grausame Realität der Sklavenhaltung in den Südstaaten der USA im 19. Jh. angeprangert. Obwohl „Die Abenteuer von Huckleberry Finn“ bereits 1864 erschienen sind, haben sie leider nichts an Aktualität, was die Kernthemen angeht, verloren ….
Man muss den „Weißen geben, was sie wollen“, heißt es im Buch: „Diese weißen Jungs, Huck und Tom, beobachteten mich. Sie spielten immer irgendein Phantasiespiel, in dem ich entweder ein Schurke oder ein Opfer war, auf jeden Fall aber ihr Spielzeug. Es lohnt sich immer, Weißen zu geben, was sie wollen, deshalb trat ich in den Garten und rief in die Nacht hinaus:‚Wersndas da draußnim Dunkeln?‘Sie rumorten unbeholfen herum, kicherten.“
Die Kunstsprache, die die Sklaven untereinander verwenden, sobald ein Aufseher in der Nähe ist, soll darüber hinwegtäuschen, dass auch sie in der Lage sind, sich Bildung anzueignen, sich Zugang zu philosophischen Büchern zu verschaffen; dies alles darf nur im Geheimen geschehen, damit die „Herrschaften“ nicht argwöhnisch werden. So unterrichtet James seine Tochter:
„‘Aber was sagst du ihr morgen, wenn sie dich fragt, ob es dir geschmeckt hat?‘, fragte ich.Lizzie räusperte sich. ‚Miss Watson, dassja ma n Cornbread, wie ich’s noch nie in meim Leem gegessn hab.‘‚Probier’s mit ›wo ich‹‘, sagte ich. ‚Das wäre die korrekte falsche Grammatik.‘‚Dassja ma n Cornbreard, wo ich noch nie in meim Leem gegessn hab‘, sagte sie.‚Sehr gut‘, sagte ich.“
Den Herrschenden wird mit scheinbarer Naivität begegnet, um die eigenen Überlebenschancen inmitten von Unterdrückung und rassistischer Gewalt zu erhöhen, denn die Schwarzen wissen, wie Percival Everett durch seine Hauptfigur bemerkt: „(…) je besser sie sich fühlen, desto sicherer sind wir.“ Das stimmt nachdenklich, denn noch heute bringen farbige Eltern ihren Kindern in den USA bei, sich in Anwesenheit von weißen Polizisten richtig zu verhalten, nichts Falsches zu sagen, um nicht verhaftet oder gar „aus Versehen“ erschossen zu werden.
Die Dialoge im Buch sind auf intelligente Weise unterhaltsam, aber auch sehr berührend, weil Lebensumstände geschildert werden, die beim Lesen erschaudern lassen: „«Papa, warum müssen wir das lernen?» / «Die Weißen erwarten, dass wir auf eine bestimmte Weise klingen, und es kann nur nützlich sein, sie nicht zu enttäuschen», sagte ich. «Wenn sie sich unterlegen fühlen, haben nur wir darunter zu leiden. Oder vielleicht sollte ich sagen, ‹wenn sie sich nicht überlegen fühlen›. Also wollen wir zunächst noch einmal ein paar Grundlagen wiederholen.» / «Blickkontakt vermeiden», sagte ein Junge./ «Richtig, Virgil.»/ «Nie reden, ohne gefragt zu werden», sagte ein Mädchen./ «Das ist korrekt, February», sagte ich./ Lizzie blickte auf die anderen Kinder, dann wieder zu mir./ «Niemals irgendein Thema direkt ansprechen, wenn man sich mit einem anderen Sklaven unterhält», sagte sie./ «Und wie nennen wir das?», fragte ich./ «Drumherum-Reden», riefen sie im Chor./ »Ausgezeichnet.»“
Es ist ein höchst aktueller Roman, der Strategien aufzeigt, die auf beinahe jedes hierarchisch gebaute System angewendet werden können: Wenn die Untergebenen sich als dumm hinstellen, fühlen sich die „Oberen“ bestätigt in ihren Machtstrukturen, also zufrieden mit sich und der Welt: Sprich deshalb – so lautet die Devise –, wenn du Bediensteter bist, einen Fehler niemals direkt an, lass die Herrschenden das Problem benennen. Die Freiheit der Literatur wird zum Raum, um trotz allem die eigene innere Freiheit wiederzugewinnen: ein Schatz, den uns niemand rauben kann. So wird im Buch ein Bleistiftstummel zum unschätzbaren Gut für James, der heimlich in seinem Notizbuch anmerkt: „Mit meinem Bleistift schreibe ich mich ins Dasein.“
Dieser fesselnde Roman ist mehr als eine Urlaubslektüre: Es sind Seiten, die in uns noch lange wie ein Echo nachhallen werden – tröstlich und kraftvoll zugleich, denn: „Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, dann ist es der Glaube an die eigene Kraft“ (Maria von Ebner-Eschenbach).
herrfabel




James - eine große Empfehlung
Percival Everetts Roman "James" finde ich aufgrund mehrerer Faktoren wahnsinnig spannend. Everett entführt uns in die Welt von Huckleberry Finn und erzählt Mark Twains Klassiker aus einer ganz neuen Perspektive, die der bekannten Geschichte nicht nur ein neues Gesicht verleiht, sondern auch viel mehr Tiefe gibt. Hier geht es um die Gedanken und Erlebnisse des Sklaven Jim, der um seinen weißen, kleinen Freund Huck und seine Familie bangt und sich auf der Flucht in Richtung Freiheit befindet. Auf seiner Reise, entlang des Mississippis, trifft er auf andere Sklaven und -händler, Betrüger und Blackface-Sänger, die ihn von 'einem Abenteuer' direkt ins Nächste jagen. Dabei springt er selbst schon immer zwischen den Welten - seiner und der weiß geprägten. Jim stellt sich dumm um eben jenen vorherrschenden Vorurteilen und dem weißen Blick auf die Welt zu entsprechen, eine Rolle, die er nur in wenigen Momenten ablegen kann, denn wirklich frei ist er nie, egal wo er hinkommt, wo sich versteckt oder ob er Gleichgesinnte findet. Er beobachtet die Vergehen der Weißen an den Sklaven, seinen Freunden, berichtet von Vergewaltigungen und Unterdrückungen... dieses Buch ist nicht ohne, vielleicht sogar provozierend, stellt Everett doch die weiß-geprägte Geschichtsschreibung zum Teil infrage, überholt und öffnet sie, rückt sie grade.
Auf der Flucht möchte Jim auch anderen helfen, wie dem Mädchen Sammy, das im späteren Verlauf getötet wird. Die fast beiläufige Aussage "Sie war schon tot, als ich sie gefunden habe [...] Sie ist jetzt bloß noch einmal gestorben, aber diesmal als freier Mensch." hat mich lange nicht losgelassen, trifft sie doch genau die damaligen Verhältnisse der Unterdrückung auf den Punkt. "Von meiner Heimat habe ich nicht viel in Erinnerung, aber an das Schiff kann ich mich erinnern. An die Misshandlungen. Das Klatschen der Wellen.","Bin in der Hölle geboren. Verkauft worden, ehe meine Mutter mich im Arm halten konnte." sind weitere Aussagen, die sich in eben jenes Bild nur so einreihen und von der Grausamkeit und dem zugefügten Leid berichten. Aber es sind nicht nur diese Szenen, die diesen Roman ausmachen. Für Everett scheint es ein Leichtes zu sein zwischen Härte und Komik, tiefgründigen Gedanken, mitreißenden Szenen und leichteren Beschreibungen zu wechseln. Dies hat er bereits in "Erschütterung" und "Die Bäume" in der hervorragenden Übersetzung von Nikolaus Stingl mehrfach bewiesen. Und wo ich gerade von der Übersetzung spreche, der Slang in diesem Roman und wie Stingl dies ins Deutsche übertragen hat... grandios. Ich hoffe sehr, dass noch weitere Romane ihren Weg nach Deutschland finden und das Everett auch hier die Anerkennung und Beachtung bekommt, sind seine Romane doch jedes Mal so eine Wundertüte und zeitgleich so eine Abhandlung wichtiger Themen. "James" - eine große Empfehlung ob mit oder ohne Mark Twains "Huckleberry Finn"-Kenntnisse.
liesmal




Ein Klassiker aus einem anderen Blickwinkel
Mark Twain hat mich mit den Abenteuern von Tom Sawyer und seiner Freundschaft zu dem Sklaven Jim als Kind total bewegt und begeistert. Jetzt hat sich der Autor Percival Everett des Themas angenommen. Sein Buch „James“ erzählt die Geschichte von damals aus einem anderen Blickwinkel, nämlich aus der Sicht des Sklaven Jim.
Als Jim verkauft werden und deshalb auch von seiner Familie getrennt werden soll, entscheidet er sich für die Flucht. Er will für seine und die Freiheit seiner Frau und seiner Tochter kämpfen, auch wenn die Chancen nur gering scheinen.
Unglaublich spannend und einfühlsam lässt Everett den Sklaven Jim als Ich-Erzähler die zu bestehenden Abenteuer beschreiben. Jim begegnet auf seinem Weg entlang des Mississippi nicht nur Tom, mit dem ihn eine ganz besondere Freundschaft verbindet, sondern er muss sich vielen Herausforderungen stellen und manchmal auch anders entscheiden, als sein Herz es ihm sagt.
Die Grausamkeiten, die körperlichen und seelischen Schmerzen, die den Sklaven zugefügt wurden, sind manchmal nur schwer zu ertragen. Dass ein einfacher kleiner Bleistiftstummel Grund genug ist, um einen Sklaven zu hängen, ist kaum vorstellbar.
Mich hat das Buch tief berührt und ähnlich wie in meiner Kindheit die Ungerechtigkeiten zwischen Schwarzen und Weißen spüren lassen.
Ruth




Aus Jim wird James
Percival Everett ist einer der renommiertesten schwarzen Schriftsteller der USA. Er hat über dreißig Bücher verfasst, darunter dreiundzwanzig Romane, von denen bisher nur wenige ins Deutsche übersetzt wurden. Doch spätestens seit seinem letzten Buch „ Die Bäume“ ist er auch bei uns mehr als ein Geheimtipp.
Mit dem Roman „ James“ ist er ein Wagnis eingegangen. Hat er doch einen Klassiker der amerikanischen Literatur, ja der Weltliteratur, genommen und seinen Fokus auf eine andere Figur gerichtet.
Bei Mark Twains „ Die Abenteuer des Huckleberry Finn“, 1884 erstmals erschienen, spielt der Sklave Jim eine wesentliche Rolle . Everett nennt ihn nun „ James“ und macht ihn zur Hauptfigur seines Romans. Und zeigt uns so durch dessen Perspektive, wie anders sich hier die Geschichte liest.
Anfangs ist Everett noch sehr nah am Original. Jim und Huck treffen sich auf einer Insel im Mississippi. Beide sind hierher geflohen, Huck vor seinem gewalttätigen Vater und Jim, weil er verkauft werden soll. Mit einem Floß versuchen sie Richtung Süden zu kommen, in einen jener Staaten, in denen die Sklaverei schon abgeschafft worden ist. Dabei erleben sie viele gefährliche Situationen und treffen auf einige Gauner und Betrüger. Doch was sich bei Twain als vergnügliches Abenteuer liest, bekommt bei Everett, bei allem Witz, den der Roman hat, eine bittere, ernste Note. Denn für James ist das alles kein Spiel, sondern lebensbedrohend.
Wenn sich die Wege der beiden ungleichen Flüchtenden trennen, gibt das Everett die Möglichkeit, völlig neue Episoden dieser Geschichte hinzuzufügen. James wird Teil einer Minstrel-Show, wo er zwischen lauter schwarz geschminkten Sängern auftritt; er wird verkauft und muss in einem Sägewerk schuften. Dabei muss er ständig um sein Leben fürchten. Hier zeigt Everett das ganze Ausmaß und die Brutalität des Rassismus und erspart uns dabei keine Grausamkeit. So wird z. B. ein Sklave, der James einen Bleistiftstummel zukommen lässt, erst gefoltert, dann gelyncht.
Schon von Beginn an aber ist die Figur Jim/ James anders, wesentlich komplexer angelegt. Das zeigt sich schon in der Eingangsszene. Wie bei Twain wird Jim hier Opfer eines Streiches von Tom und Huck. Doch bei Everett durchschaut der Sklave das Spiel und stellt sich nur dumm, denn „ Es lohnt sich immer, Weißen zu geben, was sie wollen,…“
So ist James höchst gebildet, hat in Richter Thatchers Bibliothek die großen Philosophen studiert und führt in seinen Träumen Diskussionen mit Voltaire und Locke. Dabei entlarvt er sie als nicht die großen Freiheitsdenker, sondern als Kinder ihrer Zeit.
Auch lässt Everett seinen James zweisprachig auftreten. Unter seinesgleichen sprechen die Schwarzen ein gepflegtes Englisch. Erst in der Begegnung mit Weißen verfallen sie in ihren Südstaatenslang. „ Die Weißen erwarten, dass wir auf eine bestimmte Weise klingen, und es kann nur nützlich sein, sie nicht zu enttäuschen…. Wenn sie sich unterlegen fühlen, haben nur wir darunter zu leiden.“ Da ist es nur folgerichtig, wenn James Kinder unterrichtet, wie sie mit Weißen zu sprechen haben. „ Sie genießen es, euch zu verbessern und zu glauben, dass ihr dumm seid.“ Hiermit entlarvt der Autor gar nicht subtil die Dummheit der Sklavenhaltergesellschaft. Und gleichzeitig wirft er einen Blick auf unsere Gegenwart, in denen schwarze Eltern ihren Kindern Verhaltensregeln im Umgang mit weißen Polizisten auf den Weg geben.
Everett verweist nicht nur auf die subversive Kraft des Lesens und von Bildung, sondern lässt James seine Geschichte aufschreiben. „ Mit meinem Bleistift schrieb ich mich ins Dasein. Ich schrieb mich ins Hier.“
James‘ Geschichte steht stellvertretend für die vieler. Es ist wichtig und notwendig, die Geschichte der Schwarzen im ( literarischen ) Gedächtnis zu behalten, deshalb schreibt James, deshalb schreibt Everett.
Ein weiterer Unterschied zu Twain liegt in der zeitlichen Verortung. Spielte „ Huckleberry Finn“ in den 1840er Jahren, so verlegt Everett seinen „ James“ ins Jahr 1861, rund um den Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs. Aber auch hier macht sich die Hauptfigur keine Illusionen. „ Eins wusste ich: Was auch immer zu diesem Krieg geführt hatte, die Befreiung der Sklaven war ein Nebenmotiv und würde ein Nebenergebnis sein.“
Am Ende sieht James keine andere Lösung, als sich mit Gewalt sein Recht zu verschaffen.
Im Verlaufe der Handlung wird Jim zu seinem eigenen Herr; er legt seinen alten Sklavennamen ab und nennt sich fortan James. „ Mein Name gehörte endlich mir.“
Mit viel Phantasie und großer Sprachmacht hat Percival Everett einen Roman geschaffen, der zwar in der Vergangenheit spielt, aber aktuelle Debatten aufgreift und auf die Gegenwart verweist.
Lobenswert ist die Leistung des Übersetzers Nikolaus Stingl. Denn es war kein Leichtes, die spezielle Sprache, derer sich James bedient, in ein glaubwürdiges Deutsch zu transportieren. Diese Aufgabe hat er bravourös gemeistert.
Zwei Fragen stellen sich manche bei diesem Buch:
Die eine ist die nach der Legitimation. Darf Percival Everett das? Ja, denn Literatur darf alles. Außerdem ging es dem Autor nicht darum, Mark Twain zu demontieren. Mark Twain war kein Rassist, aber natürlich ein Kind seiner Zeit. Wie Everett in seiner Danksagung schreibt, sei der Roman eine Referenz vor Mark Twain. „ Sein Humor und seine Menschlichkeit haben mich beeinflusst, lange bevor ich Schriftsteller wurde.“
Die zweite Frage ist, ob es überhaupt eine Neu- Erzählung dieses Klassiker braucht? Ja, denn es ist ein Buch für Schwarze und weiße Leser gleichermaßen. Den einen bietet er als Identifikationsfigur statt eines dümmlich- naiven Sklaven einen intelligenten, mutigen und selbstbewussten Mann, der für seine Freiheit und die seiner Familie kämpft und die anderen lässt er miterleben, wie sich die Welt einem Schwarzen zeigt.
„ James ist ein kluges, ein wichtiges Buch; eine fesselnde und bedrückende Lektüre.
La Calavera Catrina




Sehr lesenswert
Jim hat sich selbst das Lesen und Schreiben beigebracht. Doch seine Fähigkeiten muss er verbergen, denn Sklaven können sich vor den Weißen keine Bildung leisten. Als Jim verkauft werden soll, flieht er und lässt seine Frau und seine Tochter zurück, mit der Absicht, sie später zu befreien. Auf seiner Flucht trifft er Huckleberry Finn und sie verstecken sich gemeinsam. Dabei stehen die Abenteuer, die Sklaverei und die ständige Angst, gefangen und bestraft zu werden, im Vordergrund. Die Handlung ist in drei Teile geteilt, die überraschende Wendungen einleiten.
Percival Everetts Schreibstil ist so einfach wie genial. Die Seiten fliegen dahin. Die spezielle Schreibweise des Südstaatenenglisch birgt Stolpersteine, aber man gewöhnt sich daran und ich fand sie sehr authentisch umgesetzt. Die Handlung übt eine Sogkraft aus, der ich mich nicht entziehen konnte. Eindringlich und schonungslos wird aus der Ich-Perspektive von Jim erzählt und man spürt die ständige Anspannung, weil er selbst Huck nicht vertrauen kann, stets auf der Hut sein muss und nicht er selbst sein darf. „Vielleicht wirst du irgendwann kein Sklave mehr sein, aber du wirst nicht frei sein.“
Ein berührender Roman, der die Grausamkeit der Sklaverei offenlegt und den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung intensiv nachempfinden lässt.
Christina Welser aus der Tyrolia-Filiale in Salzburg




James
"James" ist ein Buch, das für mich erst eine Weile nach der Lektüre so richtig seine Wirkung entfalten konnte. Erst nach Abschluss der Geschichte wurde mir bewusst, wie gut es dem Autor letztlich gelingt das feste Konzept der bekannten Figuren rund um Huckleberry Finn aufzubrechen und neu zu beleuchten - und das gnadenlos. Leider hatte ich von Mark Twains Geschichten -gelesen als Kind- nicht mehr soviel in Erinnerung wie erhofft und dadurch sind mir sicherlich gewisse Sub-Ebenen der Erzählung entgangen. Rassismus jedenfalls und die mannigfaltige Grausamkeit der Sklaverei sind nicht nur der rote Faden der Geschichte, sondern auch Rahmen und Hintergrund. Praktisch jeder geführte Dialog der Figuren dreht sich darum und wenn ich während des Lesens noch unsicher war wie ich diese starke Konzentration darauf einstufen sollte, fand ich schließlich doch, dass es gut ins Gesamtkonzept passt. Eine gewisse Komik findet sich trotz der Tragik und "James" hat damit viele Züge eines Schelmenromans. Auch in der deutschen Übersetzung merkt man wie geschickt Everett mit Sprache und deren Prestige spielt und welche Wichtigkeit sie auch für die Figuren selbst hat. Ein gutes Buch mit Nachhall.
Bücherfreundin




Packendes Meisterwerk
In seinem neuen Roman "James", der im Hanser Verlag erschienen ist, erzählt der amerikanische Schriftsteller Percival Everett, der auch als Professor für Englisch an der University of Southern California lehrt, Mark Twains "Die Abenteuer von Huckleberry Finn" aus Sicht des Sklaven Jim neu.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Sklave James, der von allen nur "Jim" genannt wird. Als ihm zugetragen wird, dass Miss Watson ihn verkaufen will, lässt er seine Frau Sadie und die gemeinsame Tochter Lizzie zurück und flieht in Richtung Norden in der Hoffnung auf Freiheit. Schon bald kreuzt sich sein Weg mit dem von Huck, der seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat, um seinem gewalttätigen und alkoholkranken Vater zu entkommen. Wir begleiten Jim und Huck auf ihrer Reise mit einem Boot und einem Floß auf dem Mississippi. Ständig sind sie neuen Gefahren und Herausforderungen ausgesetzt, Stürme und Überschwemmungen setzen ihnen zu, sie werden getrennt, finden wieder zueinander. Jim wird zur Arbeit in einem Sägewerk und auf einem Schaufelraddampfer gezwungen und an eine Minstrelgruppe verkauft, in der er einen Weißen darstellt, der einen Schwarzen mimt.
Der Autor lässt den Ich-Erzähler Jim in zwei Sprachen reden. Mit anderen Sklaven unterhält Jim sich vollkommen normal, schaltet aber sofort in eine andere Sprache um, sobald Weiße in der Nähe sind. Obwohl er intelligent ist, lesen und schreiben kann, stellt er sich dumm. Die Weißen sollen sich nicht unterlegen fühlen, deshalb spricht Jim dann in einer Art Slang, den er auch die Kinder der Sklaven lehrt. Er bringt ihnen bei, wie sie sich im Beisein Weißer zu verhalten haben, dass sie Blickkontakt vermeiden sollen und nie reden dürfen, ohne gefragt worden zu sein. Nikolaus Stingl, der Übersetzer des Buches, hat diesen ganz speziellen Slang der Sklaven großartig und nachvollziehbar umgesetzt.
Percival Everetts Buch ist in intelligenter und mitreißender Sprache geschrieben, es hat mich gefesselt und betroffen gemacht. Der Autor schildert eindrucksvoll den Rassismus des 19. Jahrhunderts in den Südstaaten Amerikas und führt dem Leser die Unmenschlichkeit und unvorstellbare Grausamkeit der Sklaverei vor Augen. Der Roman ist keine leichte Kost, er ist spannend, herzzerreißend und oft nur schwer zu ertragen. Das Ende ist hoffnungsvoll, und es kommt zu einer mich vollkommen überraschenden Enthüllung.
Absolute Leseempfehlung und 5 Sterne für diesen erschütternden Roman über eines der dunkelsten Kapitel in der amerikanischen Geschichte, der mich noch lange beschäftigen wird.
Tara




Ein interessanter Perspektivwechsel
In seinem Buch „James“ beleuchtet der US-amerikanische Autor Percival Everett ein Stück amerikanische Literatur von einer ganz neuen Seite.
Der Sklave Jim soll verkauft werden und um dem zu entkommen flieht er gemeinsam mit dem Jungen Huckleberry Finn über den Mississippi Richtung Norden. Auf dem Weg in die Freiheit erleben die beiden ein Abenteuer nach dem anderen.
Die Ereignisse werden aus der Ich-Perspektive von Jim erzählt. Dadurch habe ich schnell einen guten Einblick in sein Leben, seine Gedanken und Gefühle erhalten. Es ist erschreckend, wie die Menschen damals mit den Schwarzen umgegangen sind, welche Macht sie ihnen gegenüber demonstrierten und wie sie sie lediglich als Besitz betrachteten.
James ist gebildet und klug. Das lässt er sich aber in Gegenwart der Weißen nicht anmerken, da es zu gefährlich wäre.
Die Ereignisse sind spannend und fesselnd, gleichzeitig aber auch nur schwer zu ertragen. Hier werden gesellschaftliche Mißstände schonungslos offengelegt. Der damals vorherrschende Rassismus, Machtspiele und Ungerechtigkeiten sind streckenweise nur schwer zu verdauen. Die Kapitel sind zum Glück recht kurz, was es einfacher macht zwischendurch abzusetzen, um einmal Luft zu holen.
Geschichtliches und Fiktion greift hier gelungen ineinander.
Dadurch, dass James hier seine Geschichte selbst erzählt, lässt Percival Everett seine Leser die menschenunwürdigen und erschütternden Situation aus nächster Nähe miterleben.
„James“ ist ein aufrüttelndes, provokatives und absolut lesenswertes Buch.
Pusteblümchen




Die Abenteuer von Huck und Jim
Percival Everetts beschreibt hier die Reise am und auf dem Mississippi von dem Sklaven Jim und Huckleberry Finn.
Jim ist der Sklave aus den Jugend- und Abenteuerbüchern von Mark Twain, in dem es um die Jungen Tom Sawyer und Huckleberry Finn geht.
Hier wird nun alles aus der Sicht von Jim geschildert, einem äußerst klugen Mann, der trotz geringer Möglichkeiten das Beste aus seinem Leben macht.
Als er verkauft werden soll, flieht er gemeinsam mit Huck, der seinem gewalttätigen Vater entkommen möchte. Diese Flucht ist äußerst gefährlich und spannend, gleichzeitig aber auch überraschend und skurril.
In diese Geschichte werden die historischen Hintergründe, um Rassismus, dem Besitzdenken der Weißen an den Schwarzen und dem unwürdigen Sklavenlebens gut eingebettet. Ungeschönt und schonungslos erfährt der Leser hier schockierende Dinge. Aber durch die Sicht von Jim, der eine gute Portion Humor in sich trägt, um mit seiner Situation zurechtzukommen, ist die Handlung gut erträglich.
Mir hat das Buch gut gefallen und Percival Everetts hat mit seiner neuen Sichtweise den Klassiker von Mark Twain gelungen aufgearbeitet.
LeserinLu 




Packend
Der Roman "James", der Mark Twains Geschichte von Huckleberry Finn aus der Perspektive des Sklaven Jim erzählt, hat mich von Anfang an fasziniert. Trotz des in der deutschen Übersetzung artifiziellen Slangs, der zunächst befremdlich auf mich wirkte, konnte ich mich schnell in die Erzählung vertiefen und wurde angenehm überrascht, wie flüssig und gerne ich weiterlas. Sowohl auf der Ebene der Abenteuergeschichten als auch auf der Ebene der Reflexion über die Bedeutung von race, Sprache und Freiheit hat mich der Roman von Beginn an gepackt.
Ein Aspekt, der dazu beitrug, war die Schnelligkeit, mit der der Roman voranschreitet. Die Episoden, die sich am Original von Mark Twain orientieren, lösen sich relativ schnell auf, sodass immer wieder neue Spannungsmomente entstehen. Dabei zeigt sich auch die Intelligenz der Hauptfigur Jim, der in verschiedenen Situationen Lösungen findet. Zusätzlich fand ich die Auseinandersetzung des Romans mit Sprache in all ihren Facetten besonders fesselnd, vor allem die Darstellung von Jims weiter sprachlicher Welt und die Betonung des Lesens als subversivem Akt im Kontrast zu der zu Beginn begrenzten Sichtweise von Huck.
Im Verlauf des Romans wurde nicht nur die Handlung intensiver, sondern auch die Kommentierung aktueller gesellschaftlicher Diskurse differenzierter. Die Machtdynamik zwischen den Figuren wird deutlicher, ebenso wie die verschiedenen Strategien, mit der Situation als Sklave umzugehen. Besonders bewegend fand ich die Darstellung von Jims Überlebenswillen, ungebrochen bleibt. Auch die Beziehungen zwischen den verschiedenen Charakteren und die komplexen Dilemmata, die sich daraus ergeben, tragen zur Tiefe der Erzählung bei. So konnte mich der Roman durch seine Spannung, emotionale Intensität und überzeugende sprachliche Darstellung vollständig fesseln und begeistern.
